Dieser Artikel von mir ist in der Zeitschrift "Sein" 01. 2017 erschienen

 

Transformation und Karma

 

Mal ehrlich, wer will schon eine echte Veränderung seines Lebens, eine Metamorphose mit all den damit einhergehenden Bewegungen, Verschiebungen und oft radikalen Umbrüchen?! Alle reden davon, aber wirklich wollen es die wenigsten. Und wenn schon Veränderung, dann bitte gleich eine echte, tiefe Transformation, eine Tiefe Wandlung aller inneren und äußeren Lebensumstände, bei der manchmal kein Stein mehr auf dem andern bleibt. Viele glauben, Veränderung zu wollen, und besuchen deshalb Seminare, die Transformation versprechen, suchen Therapeuten auf, die transformierende Arbeit anbieten, begeben sich in die Hände von spirituellen Lehrern oder versuchen es mit Ayahuasca-Sessions, die gerade in Massen im spirituellen Supermarkt angeboten werden. Doch sind wir wirklich in der Tiefe bereit für Veränderung? In über zwanzig Jahren, in denen ich Menschen auf dem spirituellen Weg begleitet habe, hat sich mir folgendes gezeigt:

 

Wir meinen zwar, uns verändern zu wollen, aber wenn es darauf ankommt, halten wir am Alten fest, ja, verteidigen es sogar mit Händen und Füßen. Wir fürchten, was wir nicht kennen. Lieber leiden wir ein wenig am Bekannten, als dass wir ins Unbekannte aufbrechen. Angst ist ein Faktor, der gegen jede Veränderung arbeitet und ein zweiter ist Bequemlichkeit. Bevor wir tatsächlich Gewohntes aufgeben, nehmen wir darum gerne lange Zeit die Haltung ein, dass es uns ja gar nicht so schlecht geht und warten ab – andere sind doch viel schlimmer dran. Aber gut, gehen wir mal davon aus, wir meinten es tatsächlich ernst mit unserer Transformation. Mit welchen Mechanismen werden wir dabei konfrontiert? Und sind all unsere dementsprechenden Bemühungen wirklich sinnvoll und zielführend?
Transformation setzt zwei Dinge voraus: jemanden, der etwas transformieren will oder muss, und etwas, das transformiert werden sollte. Gewöhnlich wollen wir etwas transformieren, weil wir nicht damit zufrieden sind. Wir wollen, dass etwas anders, besser, weniger, mehr, schöner, sinnvoller usw. wird. Tatsache ist: Wir wollen etwas ändern, weil wir uns dadurch einen Gewinn oder Vorteil erhoffen. Das setzt jedoch voraus, dass wir wissen, was für uns wirklich besser ist.

 

Weiß ich, was das Beste für mich ist?

 

Hier kommt Karma ins Spiel (Das Karmaprinzip laut Wikipediea besagt, dass jede Handlung – physisch wie geistig- unweigerlich eine Folge hat. Diese Folge muss nicht sofort oder zeitnahe erfolgen sondern kann sich auch erst nach Jahrzehnten oder sogar in einem Folgeleben manifestieren). Laut Karma ist es nämlich nicht möglich zu wissen, was für uns langfristig am besten ist. Ja, Karma postuliert sogar: Alles, was geschieht, ist immer das Beste für uns. Das ruft wahrscheinlich bei so Manchem Widerstand hervor, doch nehmen wir uns mal einen Moment Zeit, um uns das Karma-Prinzip anzuschauen. In seiner Essenz ist Karma das Gesetz von Ursache und Wirkung. Es besagt, dass alles, was geschieht eine Ursache haben muss und dass wiederum jede Ursache eine Wirkung hat. Mit anderen Worten: Nichts geschieht ohne einen Grund und alles was geschieht, zieht auch eine Wirkung nach sich. Ein einfaches Beispiel: Wir lassen eine Tasse fallen und sie zerbricht. Die Wirkung ist das Zerbrechen der Tasse, die Ursache war das Fallenlassen.
Es gibt aber auch Situationen, in denen die Wirkung nicht sofort sichtbar ist, zum Beispiel, wenn wir am Nachmittag eine Tasse Kaffee trinken und am Abend nicht einschlafen können. Da liegen ein paar Stunden zwischen Ursache und Wirkung und daher verbinden wir die zwei Aspekte nicht unbedingt miteinander. Noch weiter sind Ursache und Wirkung beim Rauchen oder ungesunder Ernährung voneinander entfernt, da kann es oft Jahrzehnte dauert, bis die krankmachende Wirkung zutage tritt. Eine karmische Reaktion erfolgt also nicht immer unmittelbar und wenn viel Zeit zwischen Ursache und Wirkung liegt, erkennen wir meist den Zusammenhang nicht. Zudem ist das Leben sehr komplex, denn die Auswirkungen von Handlungen sind wiederum Ursache für neue Handlungen mit neuen Wirkungen usw. So baut sich eine Kettenreaktion auf, die uns nicht mehr erkennen lässt, aus welchem Grund Dinge geschehen.

 

Ursache-Wirkungs-Ketten

 

Im folgenden Beispiel spiele ich mal so eine Kettenreaktion durch. Stellen wir uns vor, ein Junge spielt im Garten mit einem Fußball. Er schießt ihn gegen die Hauswand, in die Luft, gegen die Wand, in die Luft – und plötzlich gegen die Fensterscheibe: Klirrrr! Klarer Fall von Ursache und Wirkung: Ursache ist der Schuss, die Wirkung das Zerbrechen der Scheibe. Im gleichen Moment steht im Haus die Mutter des Jungen auf einer kleinen Leiter, um etwas von einem hohen Regal zu holen. Erschrocken vom Geräusch der zerbrechenden Scheibe fällt sie von der Leiter und verletzt sich den Fuß. Klarer Fall, oder? Ursache ist das Zerbrechen der Scheibe, als Wirkung davon fällt sie runter und verletzt sich den Fuß.

 

Sie fährt mit dem Taxi in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Dort muss sie mit ihrer relativ geringen Verletzung lange warten. Dabei kommt sie mit ihrem Sitznachbarn ins Gespräch, die beiden verstehen sich sehr gut und tauschen ihre Telefonnummern aus. Ein paar Tage später ruft der Mann an und sie treffen sich zum Kaffeetrinken. Eine Woche später gehen sie Abendessen, einen Monat später spielt er mit dem Jungen im Garten Fußball. Er erkennt sein Talent und sorgt dafür, dass der Junge in einem Verein spielt. Sechs Monate später zieht der Mann bei der Frau ein, ein paar Monate später heiraten sie, drei Jahre später spielt der Junge in der U-18-Nationalelf und wieder ein paar Jahre später im Nationalteam.

 

Was hier beschrieben ist, ist ein möglicher Verlauf von Ereignissen. Ein Ereignis ist die Ursache für das nächste und so reihen sich abwechselnd Ursache und Wirkung auf einen Zeitfaden aneinander wie Perlen auf einer Schnur. Nach diesem Muster laufen die Dinge ständig im „normalen“ Leben ab.

 

Unsere Bewertungen

 

Das interessante daran: Alles, was wir erleben, bewerten wir als gut oder schlecht. Wir würden das Zerschießen der Fensterscheibe als negativ bewerten („das tut man nicht, da gibt´s eine Strafe“), würden fluchen, schimpfen, uns als Opfer fühlen, wenn wir uns den Fuß verletzen, uns aufregen, beschweren etc., wenn wir in der Notaufnahme lange warten müssen. Doch genau dieses Beispiel zeigt uns auch, wohin anscheinend „negative“ Gegebenheiten führen können: dass nämlich der Junge ein erfolgreicher Fußballprofi wird und die Mutter glücklich verheiratet ist.
Oft versuchen wir, den Ausgang von Situationen in der Zukunft in unserer Vorstellung vorwegzunehmen, aber Tatsache ist: Wir wissen im Augenblick eines Ereignisses nicht, wohin es führt. Erschreckend ist jedoch, dass wir so tun, als wüssten wir, ob eine Situation per se gut und schlecht ist. Wir betrachten Situationen isoliert und bewerten selbst kleinste Ereignisse als richtig oder falsch. Dabei beziehen wir uns immer auf bestimmte Werte, die wir wie eine Schablone über die aktuelle Situation legen. Diese Werte stammen meist aus unserer persönlichen Vergangenheit, aus unseren Mustern und Vorstellungen. Solche Werte können aber auch aus bestimmten Menschengruppen entstehen und ganze Länder betreffen. Deutschland vertritt dabei beispielsweise als Land andere Werte als Uganda. Daher werden Ereignisse unterschiedlich bewertet – aber bewertet werden sie.

 

Wenn wir also etwas transformieren wollen, sollten wir uns bewusst sein, dass wir immer durch die speziell getönte Brille unserer individuellen Bewertung (oder Gruppen,- bzw. Länderwertung) schauen. Laut Karma gibt es allerdings nichts, das tatsächlich besser wäre als etwas anderes. Alles erscheint nur aufgrund unserer persönlichen Werte-Fokussierung als besser oder schlechter.

 

Karma sagt dagegen: Sorry, wir können es nicht wissen. Eine Veränderung zum vermeintlich Besseren könnte genauso gut zum vermeintliche Schlechteren führen und umgekehrt. Und so stehen wir vor einem Dilemma: Sollen wir nun etwas ändern oder nicht? Wäre es vielleicht eine Lösung, alles zu akzeptieren? Sind wir dann nicht zur Passivität verurteilt und Opfer jeder Willkür?

 

Wir sind kein Opfer

 

Die gute Nachricht lautet wir können wählen und unsere Zukunft kreieren. Das hört sich erst einmal gut an. Doch die schlechte Nachricht lautet gleich wie dir gute nämlich, dass wir kein Opfer von Karma sind und wählen und unsere Zukunft kreieren können. Wir empfinden diese Botschaft deshalb meist als schlecht, weil sie uns in eine Haltung der Verantwortung bringt. Wir können uns nicht mehr auf die Umstände herausreden, können die Schuld an unserem (Un)wohlergehen nicht mehr dem Chef oder der Partnerin in die Schuhe schieben und das hören wir meist gar nicht gerne. Ist es doch viel einfacher im Außen einen Übeltäter zu bestimmen, als unser „Schicksal“ selber in die Hand zu nehmen. Spätestens dann wenn wir unser Leben bewusst in die Hand nehmen und beginnen Verantwortung zu trage, drängt uns unser innerstes Bedürfnis nach Entwicklung zu möglichst „richtigem“ Handeln. So gestalten wir nach bestem Wissen und Gewissen. Wir können zwar nie sicher sein, dass wir dadurch dorthin kommen, wo wir hinwollen, doch wir können uns gleichzeitig dabei innerlich zurücklehnen, dann das Karma-Prinzip sorgt ja dafür, dass wir am Ende doch dort angelangen. Wie es in der Bhagavad Gita (Kaptiel6 Vers 3) so schön heißt: Für den Weisen, der nach dem Höchsten strebt, gilt Handeln als der Weg, für denselben Weisen, der das Höchste erreicht hat, gilt Nichthandeln als der Weg.

 

Der humorvolle Spielfilm „Und täglich grüßt das Murmeltier“ veranschaulicht im Zeitraffer auf sehr klare Weise das Funktionieren von Karma: ständiges Bemühen um richtige Handeln. Lernen über Versuch und Irrtum, dabei Transformation von nicht zielführenden Verhaltensweisen und schließlich das „happy end“, indem die tiefste Sehnsucht Erfüllung findet. Das mag banal klingen aber genauso läuft Karma ab. Das geniale daran ist, das es unaufhaltbar zum letztendlichen Ziel führt. Dieses letztendliche Ziel ist bei allen Menschen dasselbe: die höchste Selbstverwirklichung, Moksha, eingehen in das Göttliche, Eins-Sein oder wie immer wir es auch nennen wollen. Da sich jeder auf seiner Lebensreise auf einem andern Punkt befindet, wir dies auch nicht von jedem als das letztendliche Ziel gesehen, dennoch ist es aus karmischer Sicht von Anbeginn der Zeit das Ziel jedes menschlichen Strebens. Jeder bewegt sich jederzeit darauf zu, ob er will oder nicht, ob er es erkennt oder nicht, und egal, wie lange es dauert. Ein derartiges Verständnis von Karma beschert uns eine eher distanzierte Haltung der Gelassenheit, denn langfristig gelangen wir alle irgendwann an das Ziel unserer tiefsten Sehnsucht – scheinbare Umwege und Sackgassen gehören einfach dazu.

 

Drei Arten des Karma

 

Die Yogaphilisophie spricht beim Karma von drei Unterteilungen: Dem Karmaspeicher (sanchita), wo Wirkungen „zwischenlagern“, bis sie abgerufen werden (Wirkung des Kaffees über Stunden, des Rauchens über Jahrzehnte,…), dem gegenwärtigen Karma (parapdha) und dem zukünftigen Karma (agami).

 

Was bedeutet das? Stellen wir uns einen jungen Mann vor, der in einer Wohngemeinschaft lebt. Er stellt fest, dass er zu wenig Platz im Zimmer hat, packt ein paar Sachen, die er nicht braucht, in einen Karton, schreibt seinen Namen darauf und stellt ihn in den Keller. Ein paar Monate später zieht der Mann in eine andere Stadt. Eines Tages bekommt er ein Paket geliefert. Er öffnet es und erkennt, dass es der Karton mit seinen Sachen ist, die er damals in den Keller gestellt hatte. Seine ehemaligen Mitbewohner hatten ihn entdeckt und ihm, da sein Name darauf stand, zugeschickt.
Solange der Karton im Keller stand, war er Sanchitakarma (Karmaspeicher). In dem Moment jedoch, als er wieder in den Besitz und in das Bewusstsein des Mannes kommt, wird er zu Parabdhakarma, dem Karma der Gegenwart. Was er jetzt mit dem Karton anstellen wird, bestimmt seine Zukunft und ist somit Agamikarma. Wie er mit dem Karton jetzt umgeht, kann sehr unterschiedlich sein.

 

Möglichkeit 1: Er hatte einen sehr schlechten Tag: den Job verloren, die Freundin ist davongelaufen und er so aufgebracht, dass er den Karton durch das geöffnet Fenster raus auf die Straße wirft. Ein vorbeifahrender Autofahrer erschrickt und bremst, das nachkommende Auto fährt auf, der Fahrer verletzt sich, unser Mann wird angezeigt, ist stur, erscheint nicht vor Gericht und als Folge davon hat er noch zwei Jahre lang Probleme mit Schadenersatz, Gerichtsverhandlungen etc.
Möglichkeit 2: Er sortiert den Inhalt des Kartons, entsorgt Dinge, nimmt wieder welche zu sich und einen alten Bierkrug schenkt er seinen Nachbarn. Dieser freut sich so darüber, dass er unseren Mann auf ein Bier einlädt, sie einen lustigen Abend verbringen, sich zum Joggen verabreden und daraus eine Männerfreundschaft entsteht.

 

Keimzelle der Transformation

 

Die unterschiedlichen Handlungen sind wie das Stellen von Weichen und geben dem Lauf der Dinge völlig verschiedene Richtungen. Sie sind Keimzellen der Transformation. Das bedeutet: Transformation geschieht ständig und das täglich viele Male. Ständig müssen und dürfen wir wählen, „die Weichen zu stellen“, andererseits besagt aber das Gesetz des Karma auch, dass wir nur unserer begrenzten Einsicht gemäß wählen können. Das heißt letztlich: Wir lernen mittels Versuch und Irrtum. Wir wählen, müssen erfahren, dass uns diese Wahl nicht glücklich macht und wählen erneut. Das machen wir solange, bis wir herausgefunden haben, was tatsächlich auf tiefster Ebene zur Erfüllung führt.
Dafür brauchen wir laut Karma viele Leben. Nach und nach wachsen wir dabei über unsere Begrenzungen hinaus, die Wahl, die wir treffen, kommt immer weniger aus unserer individuellen Geschichte, da es ja genau diese Geschichte ist, unsere Persönlichkeit, die wir dabei immer mehr transformieren.

 

So bewegen wir uns in einer Aufwärtsspirale von der vollständigen Identifikation mit uns selber, der Person mit dieser und jener Geschichte, diesem und jenen Namen, Körper, Beruf, Hautfarbe, etc. hin zur wahren Natur unseres Wesens. Unbegrenzt von persönlichen Sichtweisen erkennen wir uns schließlich als die Gesamtheit, als das Eine. Der Suchende hat sich als das Ganze erkannt, es gibt nichts mehr, in das er sich transformieren könnte, er ist bereits ALLES. Denn: Nur wer sich getrennt wähnt, hat den Wunsch nach Vereinigung.

 

Und wenn ich hier kein Rezept vorgebe, keinen konkreten Vorschlag biete, wie sich unser Leben am einfachsten transformieren lässt, so spiegelt das eine typische yogische Haltung wieder – alles weißt bloß auf die Wahrheit hin, nichts davon ist die Wahrheit. Wir werden letztendlich auf uns selber zurückgeworfen, müssen zweifeln, überprüfen, selber erkennen. Worte sind wie eine Landkarte des Wissens. Sie zeigen Wege auf, doch welche davon wir gehen, müssen wir selber bestimmen.

 


Diese Artikel erschien im Februar 2017

 

Die Wurzel des Leidens

 

Buddha sagte angeblich zu seinen Lebzeiten zu seinen Schülern „die Welt ist ein Leidensplanet“.
Trifft das wirklich zu heutzutage, wie war es gemeint, woran leiden wir eigentlich tatsächlich?
Diesen Fragen gehe ich in dem Artikel nach und ich stelle ein paar ungewöhnliche Perspektiven zur Verfügung die Leid in einem anderen Licht erscheinen lassen.

 

Eines jedoch gleich vorweg - wir leiden freiwillig.


Gewöhnlich meinen wir an schlimmen Ereignisse die uns oder unsere Liebsten betreffen zu leiden, oder an Situationen in der Welt, die wir nicht ändern können, aber wir meinen auch an uns selber zu leiden, daran, dass wir nicht so sind wie wir sein möchten.

Nun, dies sind alles Möglichkeiten die Leid auslösen können, aber ob wir tatsächlich daran leiden oder nicht, ist von keinem äußeren Faktor abhängig denn,

 

Leiden besteht im Festhalten an dem Wunsch, etwas sollte anders sein als es gerade ist.

 

Leiden entsteht wenn wir nicht einverstanden sind und daran festhalten, es müsste jedoch anders sein, so, wie wir es für richtig halten.

Indem wir festhalten und uns dadurch gegen die Wirklichkeit stellen entsteht eine bestimmte Energie. Diese Energie erleben und spüren wir, sie ist das, was wir als Leid bezeichnen.

Bevor wir uns dem Leid näher widmen schauen wir uns jedoch erst an, wie wir gewöhnlich auf Situationen reagieren die uns nicht gefallen. Ich unterteile unsere Reaktionen in vier Modis:

 

Modus der Anpassung
Wenn wir eine Situation erleben mit der wir nicht einverstanden sind, reagieren wir mit dem Wunsch es möge anders sein. Manches, das wir nicht wollen, lässt sich auch leicht ändern. Wir sagen einfach was uns nicht passt, das Umfeld akzeptiert es und ändert sich dementsprechend. Das ist der Idealfall, wir teilen unseren Wunsch mit und ihm wird stattgegeben, die Situation hat sich unserem Wunsch angepasst. Hier entsteht kein Leid, die Energie kann frei fließen.

Oder wir sind mit dem Wetter nicht einverstanden, es ändert sich innerhalb kurzer Zeit und wir freuen uns. Auch hier haben wir keinen Grund zu leiden denn die Situation hat sich unserem Wunsch angepasst, wir fühlen uns frei, Energie fließt ungehindert.

 

Gemäßigter Modus

Bei leichter Unzufriedenheit entsteht nur ein zarter Wunsch nach Veränderung der Situation. Wir versuchen die Situation eventuell zu verändern oder zu beeinflussen und wenn sie dennoch bleibt, dann leiden wir dementsprechend mäßig. Wir könnten leicht verärgert sein, etwas mürrisch, schlecht drauf,…
in diesem Fall erlebe wir die Energie als unangenehm, sie kann nicht mehr ungehindert fließen, etwas stört uns und wir sind unzufrieden.

 

Modus intensiv extrovertiert/introvertiert
Sind wir mit etwas massiv nicht einverstanden, reagieren wir heftig entweder mit Ablehnung, Widerstand, Wut, Hass, oder Trauer, Angst, Groll, Ohnmacht und ähnlichem. Wir wollen, dass es anders ist und verfallen einer starke emotionellen Reaktion.

Nun können wir entweder in den Kampfmodus gehen oder den Fluchtmodus wählen, je nach unserer Veranlagung. Wählen wir Kampf, werden wir angreifen, aufdrehen, uns stark dafür einsetzen die Situation so zu ändern, dass wir damit einverstanden sind – wir verhalten uns intensiv extrovertiert. Manches lässt sich auf diese Art und Weise ändern, dann kann Die Energie wieder frei fließen und wir sind zurück im Modus Anpassung.

 

Reagieren wir mit Flucht, ziehen wir uns zurück. Meist erleben wir uns dann als Opfer und leiden still, reagieren also intensiv introvertiert. Auch hier kann sich manches ändern. Entweder weil wir uns zurückgezogen haben, oder aus anderen äußeren Umständen. In beiden Fällen wird wieder der Modus Anpassung wirksam und wir fühlen uns erlöst.

 

Soweit kennen wir die Abläufe gewöhnlich. Daran ist nichts Neues und noch ist nicht ersichtlich wie Leid entsteht, es zeigt nur wie wir reagieren, wenn uns etwas nicht gefällt. Unser Reagieren müsste nicht zwingend zu Leid führen, das tut es aber in der Regel, weil uns die Bewusstheit fehlt wie aus den Reaktionen Leid entsteht.

Nun kann es aber in allen Fällen geschehen, dass sich die Situation nicht unserer Vorstellung entsprechend ändert.

Erinnern wir uns: Leid entsteht durch Festhalten an dem Wunsch, etwas sollte anders sein als es gerade ist.

Der entscheidende Teil dieses Satzes lautet Festhalten an dem Wunsch.

Lässt sich die Wirklichkeit nicht unserer Vorstellung entsprechend beeinflussen haben wir genau zwei Möglichkeiten uns zu verhalten:

 

A Wir lassen unsere Vorstellung los und Energie kann ungehindert fließen oder  B wir halten an unserer Vorstellung fest und die Energie beginnt zu stocken. Energie will jedoch fließen, es ist ihre Natur zu strömen. Wird sie dabei behindert entstehen Blockaden die sich energetisch, emotionell, körperlich und geistig ausdrücken. Das erleben wir als sehr unangenehm und negativ, darunter leiden wir.

Wie sich Leid individuell ausrückt kann sehr unterschiedlich sein. Manche werden störrisch, mürrisch, unpässlich, zickig, andere tendieren zu Depression, Rückzug, Opferhaltung. Der Körper kann mit Schmerzen aller Art reagieren, Müdigkeit, Appetitlosigkeit, energetisch kann es sich darin zeigen, dass einfach nichts gelingt, vieles schief läuft, wir dazu neigen aufzugeben oder die Welt nicht verstehen.

 

Auch können wir unterschiedlich mit Leid umgehen, zum Beispiel indem wir das unerwünschte Gefühl des Leidens mittels Essen Trinken, Drogen oder Ablenkung kompensieren.
Oder wir steigern uns in eine einzige Tätigkeit hinein um Leid nicht zu spüren, werden Weltmeister, legen eine Spitzenkariere hin oder spezialisieren uns in Sanskrit.

 

Was allem Leid zugrunde liegt, ist die Nichtbereitschaft die momentane Wirklichkeit anzuerkennen.

Bei dieser Aussage greifen viele in die Argumentenkiste und behaupten ihre Position mit „ja aber“. „Ja, aber wir können doch nicht mit allem einverstanden sein, alles hinnehmen, das würde ja jedes Verbrechen rechtfertigen!“

 

Remember: Es geht um die Wurzel des Leides!
Wenn jemand anderem Leid zufügt wird, werden wir versuchen das zu verhindern oder auch nicht und es wird gelingen oder auch nicht. Das ist menschlich, sozial und natürlich.

 

Leid entsteht nicht weil wir nicht einverstanden sind mit dem was geschieht und sogar etwas dagegen unternehmen, sondern Leid entsteht, wenn es trotz Versuch nicht zu ändern ist und wir jedoch gedanklich daran festhalten, dass es anders sein müsste.

 

Leid ist Festhalten an unserer Vorstellung trotz Unveränderbarkeit der Situation.
Wir sind nicht bereit loszulassen von unseren Werten darüber, wie die Welt sein sollte, was Gerechtigkeit ist, was ein anderer Mensch tun oder nicht tun sollte, wie wir sein oder nicht sein sollten.

 

Dabei gehen wir von unseren persönlichen Werten aus, die in unserer individuellen Vergangenheit entstanden sind. Diese Werte sind unsere persönliche Sichtweise. Darüber hinaus gibt es auch die Werte der Gesellschaft in der wir leben und die Zeit in der wir leben. Werte sind nicht fixiert, sie können von Land zu Land variieren, ja sogar von Region zu Region und sie wandeln sich im Lauf der Zeit, innerhalb unseres Lebens aber auch über die Jahrhunderte. Aber das führt hier zu weit in das Thema Karma hinein wofür ich gerne auf einen gesonderten Artikel von mir hinweisen möchte der im Januar 21017 in der Zeitschrift „Sein“ erschienen ist: https://www.yogarei.org/die-angebote/karma-und-reinkarnation/

 

Hart aber hilfreich

Es gibt kein Leid, es gibt nur ein persönliches leiden, weil es von dem individuellen Menschen abhängig ist, was er aus einer auslösenden Situation macht. Ob er eine innere Haltung einnimmt die ihn leiden lässt oder eine Einstellung wählt, die ihm Gelassenheit oder sogar Dankbarkeit spüren lässt ist allein seine Option. Neutrales Leid, Leid das unabhängig von einem Erlebenden wäre existiert nicht. Leid ist nichts bestimmtes, definierbares, leiden als gefühlter Vorgang wird individuell hervorgebracht.
Dasselbe gilt übrigens auch für Glück, Freude, Angst, … auch sie entstehen erst in Verbindung mit einem Menschen der aufgrund einer Situation ein Gefühl „seiner Wahl“ kreiert.

 

Es ist immer unsere Entscheidung wie wir uns fühlen.

Egal ob ein Mensch stirbt oder ein Haus niederbrennt, ein Mensch leidet darunter ein anderer ist froh darüber. Daran wird deutlich, dass es niemals die Situation ist, sondern immer die persönliche Reaktion darauf, die leidvolle oder freudvolle Gefühle erzeugt. Es gibt kein Beispiel wo das nicht so wäre, selbst der Tod der eigenen Kinder, brutale Verbrechen oder der Untergang der Menschheit unterliegen der persönlichen Interpretation und können zu unterschiedlichen Empfindungen führen, nichts ist an sich gut oder böse, richtig oder falsch. Auch wenn wir das nicht gerne hören ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, denn ansonsten sehen wir uns immer als Opfer und sind deshalb dazu verdammt zu leiden. So manifestieren wir Buddhas selsbsterfüllende Prophezeiung und machen die Erde zu einem Leidensplaneten.

Wenn wir jedoch ins Einverständnis mit dem Augenblick kommen, ohne ihm unserer Werte überzustülpen, ernten wir Gefühle wie Frieden, Glück, Dankbarkeit und wandeln Leid in Liebe um und aus diesem Gefühl heraus können wir effektiv und gelassen jeder Situation gegenüber treten. Mit Verständnis über die Prinzipien der Entstehung von Leid und der Bereitschaft uns im Loslassen unserer persönlichen Vorstellungen zu üben, können wir zu Einverständnis und tiefen Frieden gelangen. Mit dieser Energie tragen wir zum Erblühen der Erde bei und vielleicht heißt es dann eines Tages  „die Welt ist ein Liebesplanet“.